Schule 2017 – 2021

 

Warum beschäftige ich mich überhaupt mit dem Thema Schule?

Hauptsächlich deswegen, weil alle neuen Auszubildenden, die ich zusammen

mit meinen Kunden gewinnen will, aus einer Schule kommen.

Und ob sie dort wirklich zielgerichtet auf das Leben vorbereitet werden, ziehe

ich mal stark in Zweifel.

Im Jahr 2021 wird nur allzu deutlich, wie viel Reformbedarf unsere gute, alte Schule hat!

Für mein zweites Buch „Die Fachkräfteformel“ habe ich im Jahr 2017 ein Kapitel über

das Thema Schule geschrieben. Ich denke in den heutigen „Corona-Zeiten“, ist dieses

Kapitel aktueller denn je. Deswegen habe ich es für dich in diesen Blogbeitrag übernommen.

Schreibe mir gerne einen Kommentar, was du darüber denkst.

(Wundere dich nicht, ich schreibe meine Bücher in der „Sie-Form“, anders als hier auf diesem

Blog!)

Hier das Kapitel:

 

 

Ein Computerspiel namens Schule

 

Der letzte Punkt meiner Bestandsaufnahme ist für viele alles andere als ein Spiel. Für die

durchaus meisten ist es – beziehungsweise war es – ein Kampf. Es geht um das Thema Schule.

Die Schule ist für diese Bestandsaufnahme wichtig, weil unsere zukünftigen Talente und

Facharbeiter schließlich alle eine Schullaufbahn hinter sich haben, bevor sie zu uns kommen.

Oder besser gesagt, falls sie zu uns kommen. Nicht zu Unrecht fordern die Handwerksverbände,

dass der Ausbildung im Allgemeinen und der im Handwerk im Besonderen, in der Schule mehr

Raum gegeben werden muss. Gerade in den Gymnasien findet das so gut wie überhaupt nicht

statt. Allerdings: Selbst wenn wir mit dieser Forderung Gehör finden, ist das lediglich das

Bekämpfen eines Symptoms. Die Ursache für das Problem liegt wesentlich tiefer. Lassen Sie uns

mal anfangen zu graben.

 

 

Die Schule ist auch nicht mehr das, was sie nie gewesen ist

 

Ich möchte unser Schulsystem an dieser Stelle nicht für das kritisieren, was es ist, sondern für

das, was es nicht ist. Nämlich ein Ort, an dem junge Menschen sich entfalten und ausprobieren

können und ein Verständnis dafür bekommen wo ihre Talente und Stärken liegen. Und am aller

wichtigsten: Wofür sie diese Talente in dieser Welt sinnvoll nutzen können. Die meisten jungen

Menschen, für viele Erwachsene gilt übrigens das Gleiche, wissen nur, was sie nicht können.

Damit sind sie für das Leben und das Berufsleben quasi wie ein Fremdkörper. Anfang des Jahres

2015 sorgte der Tweet einer 17-jährigen Schülerin bundesweit für Furore. @Naina twitterte

damals: »Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber

ich kann ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.« Schonungslose Ehrlichkeit komprimiert

auf die von Twitter maximal zugelassenen 140 Zeichen. Sie trifft es auf den Punkt: Was dem

Schulsystem, ungeachtet der Schulform, fehlt, ist der Bezug zur Realität. Viel schlimmer: Es fehlt

der Bezug zum Wesen der Menschen. Spaß, Begeisterung und vor allem Sinn, sind wesentliche

Elemente, um zu Lernen, zu entdecken und sich zu entfalten. Zwei Dinge stehen dem entgegen:

1. Die Aufteilung des Lernstoffes in Fächer, die zueinander keine Verbindung haben und

deren Verwendung im späteren Leben nicht sinnvoll dargelegt werden kann.

2. Die Gewichtung dieser Fächer in wichtig und unwichtig.

 

 

Begeisterung als Schlüssel

 

Wer kann mir plausibel erklären, warum Mathematik wichtiger sein soll als Musik. Weil man mit

Musik kein Geld verdienen kann? Ganz ehrlich, mir fallen auf Anhieb mehr Möglichkeiten ein, mit

Musik Geld zu verdienen, als mit der Integralrechnung. Natürlich müssen wir sicherstellen, dass

Schulabgänger flüssig rechnen, lesen und schreiben können, was im derzeitigen System übrigens

bei Weitem nicht auf alle Absolventen zutrifft. Darüber hinaus teile ich die Meinung des

amerikanischen Skulpturenkünstlers Don Lipski, der sagte: »Das Wichtigste ist, Kinder dazu zu

ermutigen, allem nachzugehen, für das sie sich begeistern.« Eine geniale Vorstellung. Zu dem

Zeitpunkt wo ich diese Zeilen schreibe, ist mein Sohn gerade 18 Monate alt. Es ist sowohl

herzerfrischend als auch unglaublich interessant mit welcher Begeisterung und Neugier er die

Welt für sich entdeckt. Unbefangen, aufgeschlossen – pur! Genau das dressieren wir unseren

künftigen Nachwuchstalenten in der Schule systematisch ab. Ebenfalls herrlich zu beobachten ist

sein Stolz, wenn er in unsere Tagesabläufe eingebunden wird – er kleine Dinge erledigen kann.

Er sieht und versteht, dass er etwas Sinnvolles getan hat. Kaum zu glauben, wie seine kleine

Brust anschwillt bei diesen ersten Sinnerfahrungen. Und in der Schule? Wie plausibel wird

jungen Menschen vermittelt, wo der Sinn hinter bestimmten Dingen liegt. Dabei meine ich nicht

einmal höhere Mathematik, sondern vielmehr so sinnlose Dinge wie Faktenwissen auswendig

lernen. Wenn ich wissen will, in welchem Jahr Napoleon auf die Insel Elba verbannt wurde, dann

frage ich Google. Es ist doch heutzutage viel wichtiger zu wissen, wo ich bestimmtes Wissen

finde, als es einmal auswendig zu lernen und danach wieder zu vergessen. Das ist halt so! Mit

dieser Begründung konnte ich mich noch nie abfinden. Unser Schulsystem hat sich, von Nuancen

abgesehen, praktisch seit über 100 Jahren nicht mehr wirklich verändert. Das ist ungefähr so, als

ob wir alle mit einem Ford T-Modell von 1908 durch die Gegend fahren würden. Es fährt, warum

also etwas verändern?

 

 

Richard Grever hat da eine geniale Idee

 

Zu Recht erwarten Sie nun eine Lösung oder eine Idee von mir, um die angesprochenen Punkte

zu lösen oder zu verbessern. Ich muss gestehen, dass die Grundlage dieser Idee nicht von mir

kommt, ich habe Sie nur ein bisschen weiter gesponnen. Mit der Betonung auf gesponnen! Auf

die Idee gebracht hat mich die Lektüre des Buches »In meinem Element« von Sir Ken Robinson.

Er erzählt in diesem Buch die Geschichte von Schulleiter Richard Grever, der von der

Schulbehörde angeheuert wurde, um die Grange-Grundschule in Long Eaton/Nottinghamshire

wieder auf Vordermann zu bringen. Richard Grever ging diese Aufgabe mit einem großen

Grundsatz an: »Lernen muss für junge Menschen etwas bedeuten.« Deswegen gründete er

»Grange-Town«. »Grange-Town« ist eine ideelle Stadt, die von den Schülern der Grundschule

geführt wird. Die Stadt verfügt über einen Bürgermeister samt zugehörigem Stadtrat, Zeitungen,

Fitnessstudios, eben alles, was es so braucht. Die Verantwortung dafür tragen die Schüler. Der

gesamte Unterrichtsinhalt ist in die Verwaltung dieser Stadt eingebettet. So lernen die Schüler

Mathematik nicht anhand sinnloser Aufgaben, sondern durch das Führen eine Kassenbuches

oder einer Gewinnermittlung, für eine der Einrichtungen von Grange-Town. Verzeihen Sie mir

die nachfolgende Formulierung: »Wie geil ist das denn?« Damit ist eines der großen Probleme,

der fehlende Sinn, die fehlende Verbindung zur realen Welt spielerisch gelöst. Fantastisch!

Ich würde, anders als Richard Grever allerdings nicht den kompletten Lehrplan in die Stadt

integrieren, sondern vorher gründlich ausmisten. Das lag nur ebenso wenig in seiner Macht, wie

es in meiner liegt. In einer Grundschule halten sich die Sinnlosigkeiten im Lehrplan

wahrscheinlich ohnehin noch in Grenzen.

 

 

Sim-City School Edition

 

Lassen Sie uns Richard Grevers Konzept nun in unsere digitalisierte Welt

übertragen, worin auch meine Idee besteht. Vielleicht kennen Sie das

Computerspiel »Sim City«. Es kam erstmals 1989 auf den Markt und wird noch heute gespielt

und weiterentwickelt. Der Spieler ist verantwortlich für seine Stadt. Er hat, sehr vereinfacht

beschrieben, dafür zu sorgen, dass genügend Schulen und Krankenhäuser gebaut werden, die

öffentliche Sicherheit und Versorgung gewährleistet ist und so weiter. Dafür steht ihm je nach

Spielstufe und Schwierigkeitsgrad nur ein begrenztes Budget zu Verfügung, das durch plötzlich

einsetzende Überschwemmungen oder Erdbeben unangenehm aufgezehrt werden kann.

Auf alle diese Dinge muss der Spieler reagieren.

Jetzt stellen wir uns gemeinsam einmal folgendes Szenario vor:

50 Schüler und 4 Lehrer unterschiedlicher Altersstufen sitzen in einem großen gemütlichen

Raum mit unterschiedlichen Bereichen zum gemütlichen Sitzen, sowie zum praktischen und

theoretischen Arbeiten zusammen. Der Tag beginnt. Alle zücken ihr iPad und loggen sich in

ihren Account von »Sim City School Edition« ein. Sofort werden den Schülern alle zu

erledigenden Aufgaben in ihrer virtuellen Stadt angezeigt. Jeder wählt nach seinen Interessen

und Begabungen aus. Es bilden sich Teams, die miteinander die Herangehensweise diskutieren.

Dabei werden sie von kleinen Videolektionen oder den anwesenden Lehrkräften unterstützt. Die

Lehrkräfte fungieren mehr als Begleiter, denn als starre Wissensvermittler. So geht der

Vormittag vorbei, wobei »Sim City School Edition« darauf achtet, dass das erforderliche

Grundwissen in alle Aufgaben eingebunden ist. Egal ob ein Rockkonzert organisiert oder eine

Straße neu gebaut werden muss.

 

 

Die Verbindung von Schule und Beruf

 

Apropos Straße: Bei derartigen Aufgaben verweist »Sim City

School Edition« auf angeschlossene Handwerksunternehmen, zu denen eine kleine Exkursion

gemacht werden kann, um sich vor Ort anzuschauen wie die Profis es machen. Die Adressen und

Ansprechpartner sind hinterlegt, die Lehrer unterstützen wenn nötig. Je fortgeschrittener die

Schüler sind, desto anspruchsvoller werden ihre Aufgaben in der virtuellen Stadt. Das

Programm erkennt natürlich anhand der ausgewählten Aufgaben, welche Inhalte den Schüler

am Meisten interessieren und begeistern und schlägt sie in einer Favoritenliste vor. Zu dieser

Favoritenliste gehören ab einem bestimmten Alter auch verschiedenste Berufsbilder und

Berufswege, die für die speziellen Talente des Schülers gut geeignet wären. Beim Klick auf die

Berufsbilder werden dem Schüler sofort Praktikumsplätze von Unternehmen vorgeschlagen.

Unternehmen die es wirklich ernst meinen, so wie Sie, haben die Möglichkeit, sich hier mit

einem Videoporträt kurz dem Schüler vorzustellen. So weit meine Vorstellung von »Sim City

School Edition«. Wie gefällt Ihnen die Vorstellung, dass Ihre Mitarbeiter der Zukunft eine

Schulausbildung in dieser Form genossen haben? Bevor sie eingehender darüber nachdenken,

beziehen sich noch folgenden Gedankengang in Ihre Überlegungen mit ein: Durch die Arbeit und

die Auseinandersetzung in Teams, die Stellung von Aufgaben die persönlichen Neigungen

entsprechen und den daraus resultierenden Erfolgserlebnissen, lernen die jungen Menschen all

die Dinge, die man nicht auswendig lernen kann. Die Dinge im Leben, die man erleben muss, um

sie in ihrer Gänze zu verstehen. Gewinnen, verlieren, vertrauen, vorangehen, zurückstecken. Die

Liste ließe sich beliebig fortsetzten, ich möchte sie dennoch lieber mit den Worten von Francois

Rabelais abschließen: »Kinder wollen nicht wie Fässer gefüllt, sondern wie Fackeln entzündet

werden.«

 

 

1000 Gründe es nicht zu machen

 

Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass mit Sicherheit viele Bildungsexperten Tausend oder

mehr Gründe vorbringen können, warum das alles so nicht geht. Und Sie haben mit Sicherheit

recht, dass viele Dinge schneller geschrieben, als in die Tat umgesetzt sind. Gestatten Sie mir

dazu noch einen Gedanken von Hermann Hesse: »Man muss das Unmögliche versuchen, um das

Mögliche zu erreichen.« Nehmen auch Sie dieses Zitat bei Ihrer weiteren Lektüre der

»Fachkräfteformel« mit. Denken Sie groß, denken sie anders, seien Sie mal ein bisschen verrückt.

Menschen die das tun, sind nämlich verdammt sexy. Und sexy ist anziehend!

 

 


 

 

„Was wünschen sich Mitarbeiter im Handwerk wirklich“ –

Die Ergebnisse der großen Studie von Jörg Mosler und handwerk magazin

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